Ich mit mir

 

 

Ich, mein Selbst, mit mir und meinem Körper 

eine durchaus komplizierte Beziehung


Ich kenne nicht den Moment, an dem mir mein

Körper fremd wurde. 

Ich weiß nicht, wann mein Körper mein Feind

geworden ist. 

Seit wann ich mich nicht mehr mit ihm verbunden

gefühlt habe.


Ich habe gedacht, the work kann mir nicht helfen – 

weil ich keine Erinnerungen mehr daran habe,

was geschehen ist. 


Was für ein Irrtum, auf verschiedenen Ebenen. 


Ich muss nicht in der Dunkelheit graben,

sondern kann meine Gedanken im hier und jetzt

überprüfen. 


Und gleichzeitig tauchen verschüttete Erinnerungen

auf, die mich nicht mehr in einem schmerzhaften Strudel

gefangen nehmen.


Ich, mit mir, meinem Selbst und meinem Körper am Strand


Ich stehe in Dänemark an einem leeren Strand. 

Von den Haarsspitzen bis zu den Zehen zufrieden. 

ich halte mein Gesicht in die Sonne. 

Der Wind zerzaust mein Haar, meine Füße graben sich in den nassen Sand 

und die kalten Wellen umspielen meine Knöchel. 

Genußvoll helfe ich mit kleinen Bewegungen nach und sinke tiefer ein.


Ganz im Hier und Jetzt - ganz bei mir. Ein perfekter Moment.


Eine Frau läuft an mir vorbei. Ich nehme nur ihre nackten Füße wahr. 

Ich sehe ihre zierlichen Spuren im Sand. Mein Blick folgt ihr.

Wenn ich so schmale, schöne Füße hätte, wäre ich glücklich..


Eine Welle von Neid durchflutet meinen Körper. Dicht gefolgt von Scham. 

Ich blicke hinunter auf meine Füße, vor einer Sekunde bereiteten sie mir große Freude, jetzt sehe ich nur noch wie dick und breit und unförmig - plump, sie sind.

Eine Welle von Schmerz bricht über mich herein. 

Ich kann kaum noch atmen.


Ich befreie meine Füße und laufe weiter am Strand entlang, sehe den Horizont, die Wolken, das Wasser... und komme zurück zu mir. 

Zum Glück glaube ich nicht mehr alles was ich denke.


Ich, mit mir, meinem Selbst und meinen Geschichten


Ich gehe am Strand entlang und bin neugierig. 

Woher kommt der Gedanke, schlanke Füße würden mich glücklich machen?

Still laufe ich über den Sand und lausche und ich bekomme zunächst eine Erinnerung geschenkt.


Ich bin im Kindergartenalter und ich möchte unbedingt rote Lackballerinas, Weil – alle Mädchen im Kindergarten haben diese roten Schuhe und ich finde sie wunderschön. 

Und ich möchte auch schön sein.


Es gab in Emden nur einen Schuhladen. 

Und sie hatten roten Lackballerinas. 

Aber kein Paar passte mir. 

Meine Füße wurden ausgemessen und festgellt,

ich habe einen breiten Senkfuß. 

Ich habe neue Schuhe bekommen, feste rote Schuhe zu schnüren, in denen ich Einlagen tragen musste. 

Ich habe bitterlich geweint und die neuen Schuhe gehasst.

Niemand hat mich getröstet. Bis heute nicht… 

Meine Kindheit war eh schon schwer (Glaubenssatz), 

musste ich da auch noch hässliche Füße haben?


Ich mit mir, meinem Selbst und meinen Füßen.


Ich gehe am Strand entlang und empfinde soviel Liebe 

für das kleine Mädchen in mir. 

Wenn ich wieder in Deutschland bin, 

werde ich ein wunderbares schönes Paar Schuhe für sie kaufen, 

Naja, vielleicht nicht in rot…..


Auf dem Fahrrad fahre ich durch die Dünen zurück zu unserem Ferienhaus. 

Wie Dankbar bin ich für die Erinnerung, die ich mir selbst geschenkt habe. 

Still trete ich die Pedale und genieße es unterwegs zu sein und mich zu bewegen. 

Ohne das ich gesucht habe kommt noch eine Zweite Erinnerung aus dem Verborgenen auf.


Ich gehe in die Grundschule und wir haben die Hausaufgabe, 

einen Fußabdruck von uns zu machen und am nächsten Tag mit zur Schule mitzubringen. 

Die Hölle, neben all den anderen schmalen Fußabdrücken meiner. 

Senkspreizfuß. Deutlich zu sehen, ich bin anders als die anderen.


Ich mit mir, meinem Selbst und meiner Tochter.


Ende September heirate ich meine Frau 

Meine Tochter ist bei mir zu Besuch und sagt: 

Du brauchst ein wunderschönes Kleid. 

Mein Magen zieht sich zusammen. 

Ich war letzte Wochen in einem Brautmoden Geschäft 

und ich wurde wirklich schlecht bedient. 

Nein lieber gehe ich in Jeans als mich noch mal als 

„die Fette findet eh kein Kleid“ behandeln zu lassen.

Meine Tochter ist auch nicht schlank, aber sie sieht immer toll aus. 

Ich beneide sie sehr darum. 

Ich erinnere mich, daran, wie sehr ich sie geliebt habe, 

wie ich sie unterstützt habe, eine starke Frau zu werden, 

wie ich für sie da war. 

Eine Welle der Liebe durchflutet mich.


Aber nicht jetzt

Sie geht vor mir, in die Abteilung mit den langen

wunderschönen Kleidern. 

Ich fühle mich wie beim Zahnarzt. 

Eine sehr dünne Verkäuferin beobachtet uns genau, bietet aber nicht 

Ihre Hilfe an. 

Ich will weglaufen aber Miriam schaute sich die unterschiedlichen Kleider an und sucht nach den 

richtigen Größen. 

„Die haben hier sowieso nix in meiner Größe!“

Miriam ignoriert mich und sucht weiter nach den Kleidern. 

Schließlich hat sie zwei gefunden die ich irgendwie schön finde und schiebt mich in 

die Umkleidekabine. 

Hitzewallungen, Panikattacke. 

Das erste Kleid ist nachtblau und sehr schön. 

„ Komm mal raus“

„ Nein nein, das passt schon.“ 

„ Nun komm doch mal raus“

Sie zieht mich auf dieses kleine Podest vor dem Spiegel.

Natürlich probiert vor mir eine kleine zierliche Frau ein atemberaubend schönes Abendkleid an.. 

Ich möchte im Erdboden versinken, als ich die Blicke der anderen Leute sehe.


Und dann schaue ich in den Spiegel. 

Ich bin immer noch dick. 

Aber das Kleid ist sehr schön und die Farbe steht mir gut. 

Und nichts müsste geändert werden. 

Etwas mutiger probiere ich noch das zweite Kleid an. 

Ich merke gleich, dass es noch besser sitzt, ich gehe freiwillig vor den Spiegel

Und finde es einfach wunderschön. 

Meine Tochter steht neben mir und sagt.

Hattest du nicht vor ein paar Wochen gesagt. 

Am schönsten fände ich ein Kleid in Petrol? 

Ich sehe in den Spiegel, 

sehe das Kleid in einem wunderschönen Petrol Ton. 

Wie ich es mir gewünscht hatte.


In einem Spezialgeschäft habe ich mir sehr schöne Pumps gekauft. 

Für breite Füße. 

Sehr schön. 

Und bequem.


Ich mit mir , meinem Selbst und meiner Selbstliebe…







Toll einfach toll und krass wieviel zierliche Menschen du überall siehst ;-)



Durch deine Art zu schreiben, bin ich sofort in Gedanken bei dir... am Strand, im Kindergarten, vor dem Spiegel... lieben Dank für diese Reise.
Herzliche Grüße einer kleinen, zierlichen Frau... die den irrsinnigen Gedanken hat, so gerne größer sein zu wollen und gefühlt ständig von min 1,75m Frauen umgeben ist


Liebe Nicole, Danke Danke Danke fürs teilen. Das hat mich sehr berührt. Ich und mein Körper, dass war auch Krieg. Ich habe zehn Jahre lang alles was ich gegessen habe ausgekotzt, um ihm eine Form zu geben, die er nie annehmen wollte. Ich war mein schlimmster Feind. Inzwischen sind wir friedlich miteinander. Ich schätze ihn und seine Kraft und was er für mich tut. Vom lieben sind wir zwei noch ein Stück entfernt. Und auch von Kleidern in nicht sackförmig und anders als schwarz. Ich finde es so, so schön, mir vorzustellen wie Du Dein petrolfarbenes Kleid trägst. Und schöne Schuhe.

 
 
 
 

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